Samstag, 23. Oktober  8:30 Uhr Start

 

Der Pinot zieht heimwärts

Nachdem uns das Wetter am Donnerstag und Freitag etwas zur Ruhe gezwungen hat, arbeiten wir uns am heutigen Samstag heimwärts. 24 Augenpaare blinzeln im Jeninser Bündtli in die Morgensonne und lauschen gespannt dem Tagesplan. Zum Start steht ein besonders erfreulicher Auftrag an – wunderbar reifer und praller Chardonnay gelangt an diesem frischen Morgen als erstes in den Keller.

Es folgt der Pinot Noir im Riederer. Ein kleine Parzelle,  die wegen der dazugehörenden Hecke die Fauna mit ihrer Diversität erfreut, uns jedoch beim aussöndern von Essigbeeren (= Grüsse von der Kirschessigfliege) ein paar Seufzer entlockt.

Kurz vor Mittag ziehen wir ins Bachfeld. Ein Acker, der erst seit 10 Jahren bestockt ist. Nachdem uns die ungenügende Bodenfruchtbarkeit und die damit verbundene Anfälligkeit der Reben auf Pilzkrankheiten bisher massiv zu schaffen gemacht hatte, werden wir heuer reich mit lockerbeerigen  Trauben belohnt.

Zu guter Letzt sind wir bei mildem Sonnenschein nach dem Mittag im Fanal zugegen. Der Mariafeld Klon (Pino Noir) beschert uns fantastisch reife und gesunde Früchte!

Um 16 Uhr fahren wir die letzten Kisten nach Hause, diese werden kurz sortiert und im Holzbottich eingemaischt. Schon wenig später Treffen wir übermütig in der Orangerie zum traditionellen Wimmlerabschluss bei Tresterwurst, Sauerkraut, Ofenkartoffeln und Wein zusammen – was für eine überwältigend schöne Weinlese-Saison!

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Montag 18. Oktober  8:30 Uhr Start

Der Föhn reisst mit

Eine herrlich milde Herbstphase liegt hinter uns, so dass wir uns genau 10 Tage nach dem Riesling Sylvaner an die Pinot Haupternte wagen. Nachdem die Nächte jüngst extrem kalt waren, hat der Föhn die Trauben jüngst aus dem Reifeschlaf gerissen.

Die Oechslegrade liegen bei über 90° – perfekt für einen filigranen und langsam gereiften Pinot Noir.

Bei fantaschtischem Wetter schnippen die Scheren unserer 20 Wimmler bis in die späten Nachmittagsstunden. Wenn das Wetter mitspielt, legen wir am Donnerstag den 21.10.2021 die letzten Pinot Trauben in die strahlend blauen Erntekisten.

 

 

Freitag, 8. Oktober  8:30 Uhr Start

 

Der Riesling Sylvaner rieselt

 

Mit den ersten Riesling Sylvaner Trauben die in den Keller rieseln, sinkt die Anspannung. Der Keller besteht den ersten Stresstest, denn so viele Trauben sind in kurzer Zeit bisher noch nicht eingeganen. Damit die spontane Maischegärung beim Riesling Sylvaner Schiefer gelingt, werden die Trauben sortiert.

 

 

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Montag, 27. September,  8:30 Uhr Start

 

Der Brut ist reif

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Der Pinot Noir hat eine Zuckergradation von 80° Oechsle erreicht. Zu knapp für einen fülligen Rotwein – perfekt für einen frisch-fruchtigen Schaumwein.

Im kleinen Trupp bestehend aus Sommer-Rebteam und Lieferanten kämmen wir unsere 13 Pinot Parzellen durch. Alles was noch schön knackig ist, holen wir schonend in den Erntekisten nach Hause.

Die Trauben an den verholzten Schossen  lassen wir indes hängen. Diese reifen in den nächsten Tagen zu Monolith oder Trocla Nera heran.

Im Keller landen die ganzen Trauben auf der Presse. So wir schonend der zartrosa Saft gewonnen, aus dem im Laufe der nächsten 20 Monate der Brut entsteht.

30. September 2021 / Francisca Obrecht

 

 

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Samstag, 25. September 2021, 10:30 Uhr

Während wir im Hof die letzte Gruppe der Saison 2021 zur Degustation empfangen, scheppert’s in der Rondelle. Mir scheint der ganze Sonne-Hof zu zittern, doch es ist nur das innere freudige Rumoren.  Seit Jahren ist der Kopf in stetiger Planung, seit November 2019 wir in der Sonne kräftig gebaut und nun ist Sie da:

Die erste Pinot Noir Traube

klettert im Portal das Förderband Richtung Presse hoch.

Familie Gort liefert uns überraschend früh an diesem Samstag die ersten Trauben aus der Jeninser Lage Madast. Eigentlich hatten wir erst am späteren Nachmittag mit der Lieferung gerechnet.

„Sie hätten extra schon um 7:30 Uhr mit der Wimmelte begonnen, damit die Trauben schön frisch in den Keller kämen“, klärt Adrian uns ungläubig Staunenden auf.

Fantastisch, wenn die Lieferanten so mitdenken! Und schon geht es los. Als ob im kühnen blauen Portal schon ewig gekeltert worden wäre, hievt wenig später der Stapler eine Stande um die andere auf die Waage. Von dort ein kurzer Dreh zum Förderband und schon steigen die ganzen Trauben via Förderband durch die Quetsche in die Presse.

Kurz darauf in der Cüverie verschlägt mir das primäre Plätschern des Brut-Traubensaft im Tank die Sprache. Ein enormer Zufall, dass ich gleich neben Chromstahlgebinde den Gästen anhand der ruhenden Brut Flaschen die Entstehung des Schaumweins erkläre!

Das Debüt ist gelungen, wie die strahlenden Gesichter erahnen lassen. Nun freuen wir uns riesig ab dem 27.09.2021 selbst mit der Wimmlete loszulegen. Erst werden wir weiteren Pinot Noir und Chardonnay für den Brut einfahren. Es folgt anfangs Oktober der Riesling Sylvaner und etwas Pinot für Blanc de Noir. Praktisch nahtlos wird es dann circa Mitte Oktober in die Pinot Noir Ernte für die Rotweine übergehen bevor wir Ende Oktober mit dem Completer zum krönenden Abschluss kommen.

 

26. September 2021 / Francisca Obrecht
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11./12. September 2021

Weinfest Jenins

„Schon viele Jahr‘ komm ich hierher

Es fällt mir immer wieder schwer

mich von Euch allen los zu reissen

Vielleicht kommt irgendwann der Tag

An dem ich so lang bleiben mag

bis Ihr beschliesst, mich raus zu schmeissen.“

 

Gerlinde Fink, Kabarettistin

 

Dem haben wir nur ein herzliches Dankeschön anzufügen – unserem Team, den vielen Besuchern, dem fantastischen Wetter und vor allem dem mutigen OK des Weinfest Jenins. Ohne die Zuversicht des Teams, hätte das erste Fest nach Corona noch lange auf sich warten lassen!

13.September 2021/ Francisca Obrecht

 

 

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Jederzeit willkommen

24/7 Weingenuss am Obrecht-Omat

Wir freuen uns riesig, wenn Sie extra unseren Hof ansteuern, um sich mit dem in den Ferien genossenen Wein einzudecken… nur werden Sie grossmehrheitlich anrennen.
In der Rebbsaison von Mai bis Oktober sind wir nachmittags stets und je nach Witterung bereits vormittags im Weinberg oder Keller.

Ihren Besuch schätzen wir sehr! Doch wie unseren spontanen Gästen und dem Rebberg/ Keller gerecht werden?!?

 

Nun steht in der Einfahrt an der Malanserstrasse 2 der Obrecht-Omat für Sie bereit. Im Angebot steht flaschenweise das aktuelle Sortiment,  ergänzt mit spannenden Kennenlern-Paketen und unseren „Best-Seller“ Blanc de Noir, Brut Rosé und Trocla Nera  im 6er Karton.

Auf freudvollen Weingenuss!

14. Juli 2021/ Francisca Obrecht
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falstaff TASTING – Chardonnay Trophy 2021

BÜNDNER DOMININANZ

Zum dritten Jahr in Folge suchte Fallstaff die besten Chardonnays der Schweiz.
Und wie schon in den Jahren zuvor schafften es auch in diesem drei Bündner auf die ersten Ränge. Werde die Sieger sind und wer sonst noch in der ersten Chardonnayliga mitspielt, lesen Sie hier.

TEXT: Dominik Vombach NOTIZEN: Dominik Vombach, Benjamin Herzog

Zu ihrem heutigen Namen kam die Rebsorte Chardonnay bei der Weinbauausstellung 1872 in Lyon. Damals wurde festgelegt, dass die natürliche Kreuzung aus Gouais Blanc und Pinot den Namen einer kleinen Gemeinde im Burgund tragen soll — den Namen Chardonnay.

Ein Name, der sich wie kaum ein anderer in der Weinwelt verbreitete. Denn dank ihrer grossen Anpas- sungsfähigkeit wird sie heute weltweit angebaut. Egal, ob heiss und trocken wie bei- spielsweise in Kalifornien oder eher kühl wie in unseren Breiten, die Rebsorte aus dem Burgund fühlt sich wohl. Wohl auch deshalb belegt Chardonnay den dritten Platz hinsicht- lich der Anbaufläche hierzulande, wenn es um weisse Sorten geht. Nur Chasselas und Müller-Thurgau liegen vor ihr. International gesehen liegt die grösste Chardonnayfläche immer noch in ihrem Herkunftsland Frankreich. Hier sind rund 48.000 Hektaren mit der noblen Sorte beplfanzt. Nur knapp dahinter folgt mit rund 42.000 Hektaren die USA, jenes Land, in dem in den frühen 1990ern ein wahrer Chardonnay-Boom herrschte.

Einer der zweifelhaften Sorte, wie der bekannte Slogan aus dieser Zeit «Anything but Chardonnay» — den damals häufig alkoholreichen und üppigen Tropfen aus der Sorte geschuldet –belegt. Ein Stil, der bei unserer diesjährigen Falstaff Chardonnay Trophy glücklicherweise nur selten anzutreffen war. Vielmehr glänzten die degustierten Schweizer Gewächse mit ausserordentlicher Frische und Eleganz. Wie schon in den letzten Jahren glänzten besonders die Winzer aus Graubünden und bestätigten ein weiteres Mal, wie gut sie die Sorte verstehen und mit ihr umzugehen wissen.

Fünf Weine der Top Ten kommen dementsprechend auch von hier — die ersten drei Plätze inklusive. Bereits zum zweiten Mal schneidet das Weingut Obrecht aus Jenins als Sieger bei unserer Trophy ab. Ihr Chardonnay aus dem Jahr 2019, bewertet mit grandiosen 96 Punkten, verzückte unsere Vorkoster voll und ganz. Auch Platz zwei und drei gehen an Betriebe, die zuvor schon unter den besten drei zu finden waren. Der Vorjahressieger, das Weingut Wegelin aus Malans, sicherte sich mit seinem minerali- schen Chardonnay Frassa den zweiten Rang. Platz drei geht an den Chardonnay Grand Maitre vom Weingut Hermann. Beides über- aus mineralische Tropfen, die‘ eine Tiefe aus- strahlen, din man lange suchen muss.

Mai 2021 / Falstaff Schweiz

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Die doppelte Pflanzzeit

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Die kalendarische und handwerkliche Pflanzzeit

Als biodynamische Winzer hat die Pflanzzeit eine doppelte Bedeutung. Zum einen umschreibt der Begriff die Phase in der wir manuell am Pflanzen sind, zum anderen ist es eine sich stets wiederholende zweiwöchige Phase im Mondkalender, die sich für bestimmte Arbeiten bestens eignet.

„Die Pflanzzeit ergibt sich aus dem Zeitraum des absteigenden Mondes. Da hier die Säfte zu den Wurzeln absteigen, bekommt die neu gesetzte Pflanze die Chance anzukommen und sich zu verwurzeln. Diese Zeit eignet sich besonders für Aussaaten, Um- und Neupflanzungen von Gemüse und Blumen sowie für Bäume, Sträucher, Stauden und Heckenbepflanzungen. Auch die Ernte von Wurzelgemüse ist zu dieser Zeit ideal. Wenn für den Baumschnitt die Pflanzzeit beachtet wird, (absteigender Mond, die Säfte ziehen sich zurück), dann liegt man optimal.“ (Quelle: Gärtnerei Waldhaus)

Vom 28. April bis zum 10. Mai 2021 prägt der absteigende Mond unser Schaffen (mehr zum Demeter Mondkalender). Wir paaren also Kalender und unsere Kräfte und fokussieren uns im Team sofern es die Witterung zulässt auf die Pflanzungen.

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Wurzeln schlagen

Derzeit weicht im Jeninser Bachfeld die mehltauanfällige Scheurebe für 560 Chardonnay und 400 Pinot Meunier Reben. In der Malanser Halde macht der Pinot Noir weiteren 300 Stöcken Completer Platz und auf den restlichen gut 6.5 ha erneuern wir 100 altersschwache Pinot Noir durch entsprechende Jungreben.

So tauschen wir gemeinsam in 14 Tagen insgesamt 3.2% unseres gesamten Rebbestandes aus. Der aktuell fallende Regen heisst die 1360 Neulinge herzlich willkommen und wir hoffen, auf ein gutes Omen, so dass wir in fünf Jahren die ersten Erträge dieser Novizen einfahren.

 

07.05.2021/ FO

Akt I – Das leichte Pulsieren.

Noch ragt ein karger Hügel aus dem Bungert und ein eisiger Wind reisst den Plastik des provisorischen Tors in Fetzen.

Im Hof ist es jedoch deutlich zu spüren, die Erde in der Sonne beginnt zu pulsieren.

Dort wo bei den Grosseltern promiment der Miststock dampfte, zieht in 6 Metern Tiefe energiegeladenes Leben in Kartons, Gittern, Barriques und Fässern in die harmonisch rotblauen Kammern ein.

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Ankommen in der feurigen Stille

Gut zweihundert Paletten-Plätze Material haben wir in den letzten März Wochen 2021 durchs Portal in den neuen Keller geschoben. Seither staunen wir.

Obwohl wir seit Frühling 2017 regelmässig mit dem Team von Bearth & Deplazes Architekten (Daniel Ladner) über Konzepten brüten, inzwischen in 14-täglich Bausitzungen mit Florentin Duelli  die nächsten Schritte konkretisieren und seit November 2019 täglich den Baufortschritt vor der Haustüre verfolgen, wirkt der Einzug surreal.

Und doch – Woche für Woche, Tag für Tag werden Plätze gefunden! So sind die Gitter mit den abgefüllten Weinen rasch und erfreulich übersichtlich platziert. Etwas mehr Präzision und Gespür braucht es beim einquartieren der Barriques in der feurigen Matura. Und viel Atem verlangt das Verstauen des ganzen Kleinkrams.

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Ungläubig sortieren wir Zügelwaren im tiefblauen Portal.

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Gesetzt wirken hingegen die Clayver, die Tonkugeln in welchen die beiden Schiefer-Weine, der Completer und teilweise der Chardonnay reifen. Sie schweben im Tubus, der auf unergründliche Weise die Tiefen von Alt und Neu verbindet.

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Bald wird anstelle des Plastikvorhangs ein Tor ins Schloss fallen. Mit jedem Zuschnappen werden wir verinnerlichen – in der Sonne pulsiert ab jetzt unser Wein.

 

25. April 2021/ Francisca Obrecht

Bauprojekt Sonne – wenn Alt- und Neubau zusammenwachsen

Im November 2019 ist der Baggerlöffel in den idyllischen Sonnehof gefallen und seither ist nichts mehr, wie es einmal war.

In einer ersten Phase  (Februar 2020) werden gut 9’000 qm Erdmaterial verschoben. Das führt im Hof zu einen 6 m tiefen Krater und ragt als gut 12 m hoher „Jeninser Berg“ aus dem Bungert.

Bereits im März ziehen neue Formen ein – ein feines Kanalisationsnetz unterwandert die Grundzüge des Kellers.

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Fantastisches Wetter prägt die Bauzeit, so dass im Mai die Bodenplatte betoniert werden kann. Es folgen bei besten Bedingungen die Seitenwände und erfreulicherweise im Oktober bereits der „Deckel“.

Noch während des ersten heftigen Wintereinbruchs anfangs Dezember entsteht im Hof das Schutzdach (Remise) mit Photovoltaik.

Im Januar ruhen die Aussenflächen der Baustelle unter einer meterdicken Schneeschicht… doch der Eindruck täuscht. Im Keller selbst ziehen Farbe, Licht, Wasser, Strom, Technik,  Tore und Gestelle ein.

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Anfangs März ist es dann soweit – der Obrecht Wein erobert die neuen Räume.

Nun müssen Alt- und Neubau noch zusammenwachsen, die Schnittstellen gestaltet werden. Dazu gehört die Realisierung der Einbauten unter dem Schutzdach im Hof, die Umgebung und die Bereitstellung des Materials für Kundenbesuche.

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ALTERNATIVER WEINBAU

Winzerin Francisca Obrecht: «Biodynamie fördert die Entfaltung des individuellen Standorts»

Text: Weinkeller | Peter Keller | 11.2.2021

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Francisca und Christian Obrecht arbeiten auf ihrem Weingut in Jenins biodynamisch – aus Überzeugung. Im Interview erklärt die Winzerin, warum die alternative Landwirtschaft und der Einsatz von Hornmist nichts mit Hokuspokus zu tun haben.

 

Peter Keller: Francisca Obrecht, warum setzen Sie auf die Biodynamie?

Mein Mann und ich haben 2006 das Familienweingut übernommen mit dem Ziel, die Harmonie von Pflanze und Umwelt zu fördern. Daher bedienen wir uns der biodynamischen Methode. Dergestalt produzierte Weine zeichnen sich durch grössere Eigenständigkeit, Frische und Bekömmlichkeit aus. Das ist unsere feste Überzeugung.

Ist das auf konventionelle Art und Weise nicht möglich?

Ich stelle nicht in Abrede, dass auch konventionelle Winzer hervorragende Weine produzieren. Dafür braucht es auch in diesem Fall Hingabe und Aufmerksamkeit im Produktionsprozess. Die biodynamische Arbeitsweise nach Demeter jedoch geht weiter und fördert mit seinen Theorien, Methoden und Thesen schlicht die Entwicklung und Entfaltung des individuellen Standorts. Zudem wird das Sensorium des Winzers geschult. Wir verzichten auf chemisch-synthetische Hilfsmittel, was ich persönlich als einen Mehrwert empfinde.

Warum wird die biodynamische Methode oft kritisiert, ja gar diffamiert?

Wer so produziert, nimmt primär eine beobachtende Haltung ein. Diese muss nicht jeder teilen. Das Prinzip der sogenannt vertikalen Landwirtschaft des Anthroposophen Rudolf Steiner besagt indessen, dass jeder Hof aufgrund seines einmaligen Standorts auf der Erde einen individuellen Charakter hat, den es zu stärken gilt. Nur so kann man möglichst individuelle Produkte generieren – in unserem Fall Wein.

Was bedeutet einen individuellen Charakter?

Diesen prägt das vielbeschworene und vielzitierte Terroir, also das einmalige Zusammenspiel von Boden, Klima, Mikroklima und Exposition des Rebbergs, der gewählten und idealerweise standorttypischen Rebsorten und Klone und den Menschen, die auf dem Gut arbeiten. Aus dieser Idee versucht ein Demeter-Winzer möglichst, seinen Standort und seinen Rebberg in seiner Einmaligkeit abzubilden.

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Im Herbst werden Kuhhörner mit Mist vergraben, um so ein Hornmist-Präparat zu erhalten, das im Frühling eingesetzt wird. Welche Aufgabe kommt diesem Präparat zu?

Damit wird die mit der Erwärmung der Erde einsetzende Bodenaktivität mit einem Impuls unterstützt und die Verfügbarkeit der organischen Nährstoffe verbessert. Die Rebe braucht für den Austrieb eine enorme Kraft respektive viele Nährstoffe. Auf konventionelle Art geschieht dies mit dem Einsatz eines stickstoffhaltigen Kunstdüngers. Es muss aber warm und feucht sein, sonst wirkt der Dünger nicht.

Und Sie bringen stattdessen das Hornmist-Präparat aus?

Ja. Es handelt sich um eine wässrige Kompost-Lösung, die reich an Bodenpilzen und Mikroorganismen ist. Diese wird auf der Grasnarbe des Weinbergs tröpfchenweise verteilt. Mit den Frühlingsniederschlägen und der gleichzeitigen Erwärmung des Bodens durchdringt via Vermehrung die ausgebrachte Mikrofauna den Boden von der Oberfläche in die Tiefe und erhöht so die am Standort gegebene Aktivität, damit die im Boden verfügbaren Nährstoffe für die Pflanzen verfügbar werden.

Der Einsatz von solchen Präparaten wird von Kritikern als «Hokospokus» bezeichnet. Ist das wahr?

Wir setzen das ein, um einen guten Austrieb und einen gelungenen Start der Vegetationsperiode zu erreichen. Damit wird auf indirekte Weise der Boden aktiviert. Das ist reine Biochemie –was daran Hokuspokus, Marketing oder Verschwörung ist, bleibt mir schleierhaft. Und noch etwas: Das Kuhhorn ist ein idealer Verrotungsbehälter, porös und reich an Stickstoff. Dieser fördert die Umwandlung von Kuhmist zu Kompost während der Ruhe in der Erdgrube im Winter. Im Boden ist es bekanntlich feucht. Und es sind bereits zersetzende Organismen vorhanden, so dass wir im Frühling eine aktive Kultur ausgraben.

Gehen Sie mit der biodynamischen Arbeitsweise auch höhere Risiken ein?

Ja, die alternative Landwirtschaft riskiert bei mangelnder Beobachtung Totalausfälle. Der konventionelle Weg dagegen sorgt für garantierte und zuverlässige Erträge und somit für Ernährungssicherheit. Er belastet indessen die Umwelt mit Rückständen in Wasser und Lebensmitteln. Bio und biodynamische Methoden dagegen fördern Natur und Umwelt. Und klar: Wissenschaftlich pragmatisch gesehen wird uns gelegentlich auch eine etwas schräge Weltanschauung unterstellt. Damit kann ich leben, wenn ich das Resultat in unseren Weinflaschen sehe.

 

–> zum Original Interview mit Peter Keller

In der Stille und Geduld des Winters liegt die Kraft für das Neue.

(Monika Minder)
Wintersturm

Während der Blick auf die im Sturm ruhenden Reben schweift, rieselt leise der Riesling Sylvaner 2020 in die Flasche. Nach einer kurzen Ruhephase in der Flasche ist der neue Jahrgäng ab April für schwungvollen Genuss bereit.

Winter – Die Zeit, die von Stille und Geduld geprägt ist, besonders wenn der Wingert unter einer meterdicken Schneedecke schläft und der Geist um den Rebschnitt kreist.

Doch in Jenins ist es üblicherweise erst im Januar so kalt ist, dass sich der Saft der Rebe in die Wurzeln zurück gezogen hat. Dann beginnen wir als Demeter-Winzer mit dem Rebschnitt und folgen in bedächtig zwei Rhythmen: Der umgekehrten Lesereihenfolge und dem auf-  und absteigendem Mond.

Klingt kompliziert, oder?!?  Ist es überhaupt nicht. Wir starten in jenen Parzellen die zuletzt geerntet wurden und schliessen mit dem Weinlestarter, dem Riesling Sylvaner, den Rebschnitt ab. Da wir stets mehrere Tage für in einer Parzelle beschäftigt sind, können wir noch fein justieren. Stets 14 Tage steigt der Mond auf oder ab. Stark wüchsige Parzellen/ Lagen stutzen wir bei aufsteigendem Mond. Der Saft ist dann Leicht in Schwebe und so entnehmen wir mit dem abgeschnittenen Holz ein wenig von der übermütigen Kraft. Schwache Lagen werden geschont, indem bei maximalen Saftrückzug und absteigendem Mond die Kräfte möglichst für einen energischen Austrieb gehalten werden.

Tja, und wenn es so wie ist im Januar 2021, überdenken wir geduldig unsere Theorien. In stillen der Reflexion liegt die Essenz des Neuanfangs.

15. Januar 2021/ FO